Bei Erweiterungsbauten oder Lückenschlüssen in historischen Ensembles stehen Planende vor einer praktischen Herausforderung: Das neue Gebäude muss sich harmonisch in die Umgebung einfügen, gleichzeitig soll der Neubau nicht künstlich historisierend wirken: Er soll als modernes Gebäude erkennbar bleiben.
Die Lösung für diesen planerischen Spagat beim Übergang von Alt zu Neu liegt nicht selten in der Materialität der Fassade. Doch das Finden des exakten Farbtons und der passenden Haptik ist in der Praxis nicht immer einfach. Besonders wenn der Denkmalschutz in das Projekt involviert ist, erfordert die Materialwahl viel Fingerspitzengefühl. Die Behörden haben das nachvollziehbare Ziel, das gewachsene Erscheinungsbild eines Ensembles zu bewahren. Für Architektinnen und Architekten bedeutet das oft einen intensiven Abstimmungsprozess: Es gilt, gemeinsam einen gestalterischen Konsens zu finden, der den historischen Bestand respektiert und dennoch eine eigenständige Architektur zulässt.
Dass sich Alt und Neu nicht ausschließen, sondern durch die richtige Materialwahl sinnvoll ergänzen, zeigen zwei Herangehensweisen aus der Praxis.
Vom sanften Übergang zur monolithischen Einheit
Wie sich eine moderne Klinkerfassade elegant in einen denkmalgeschützten Kontext integrieren lässt, zeigt das Rathaus in Brühl. JSWD Architekten erhielten den Auftrag, einen Bau aus den 60er-Jahren – unmittelbar angrenzend an das historische Bestandsgebäude – zu ersetzen. Eines der verbindenden Elemente ist die Sortierung Weimar. Der Klinker greift den hellen Farbton der benachbarten Gebäudehülle auf und verbindet so Moderne und Tradition. Aus der Ferne wirkt die Fassade zurückgenommen und harmonisch, bei genauerem Hinsehen bringt der Stein eine feine Vielfalt in die Fassade ein: beige brennender Ton mit weißer Patinierung, roten Akzent-Klinkern sowie Klinkern mit Kohlenstaub-Anhaftungen.
Zum Steinweg hin, wo die Gründerzeit-Fassade lückenlos in die moderne Gebäudehülle übergeht, schuf das Architektenteam mit einer ähnlich strukturierten Lochfassade einen sanften Übergang. An der Kopfseite sowie der Seite zum Jahnshof ändert sich das Erscheinungsbild der Fassade. Großflächiges Filtermauerwerk ermöglicht an den gestaffelten Gebäudeteilen eine Verbindung zwischen Innen und Außen. Mit dieser visuellen Veränderung folgen JSWD der Gebäudenutzung: Während sich hinter der Lochfassade Büroräume verbergen, schafft das Filtermauerwerk eine angenehme Lichtstimmung in der Stadtbibliothek, die im selben Gebäude verortet ist.
Der Neubau bezieht sich in seiner Kubatur auf das historische Rathaus, entwickelt daraus jedoch eine eigene, an die Proportionen der Brühler Altstadt angelehnte Form. Die versetzten Giebeldächer sind zudem komplett mit dem hellen Klinker Weimar bedeckt, was die Homogenität des Gebäudes weiter unterstreicht.

Distanz und Dialog im Quartier maxfrei
Beim Düsseldorfer Quartier maxfrei gestaltete sich die räumliche Situation zwischen historischem Bestand und Neubau etwas weitläufiger. Hier diente eine in Sichtweite gelegene alte Kapelle – ehemals Teil einer Justizvollzugsanstalt – als optischer Anker. Deren prägnantes rotes Mauerwerk lieferte HPP Architekten den maßgeblichen Entwurfsansatz für die Neubauten im Baufeld 3.
Das gestalterische Leitbild des Planungsteams sah ein rötliches Gesamtensemble vor, das sich aus verschiedenen Gebäudeabschnitten zusammensetzt. Diese Segmente sollten sich in ihren Nuancen sichtbar voneinander unterscheiden, am Ende aber zu einer harmonischen Einheit verschmelzen.
Zur Umsetzung fiel die Wahl auf die drei Hagemeister-Sortierungen Liverpool GT, Schleswig GT und Krefeld GT im Dünnformat. Um die Vielfalt und Lebendigkeit der Flächen zu steigern, variierten die Architektinnen und Architekten die Fugenfarben und integrierten plastische Rauten-Muster sowie Reliefs. Ein besonderer produktionstechnischer Vorteil: Da die verwendeten Klinkerriemchen projektindividuell im Werk aus kompletten Steinen auf die exakt benötigte Stärke zugeschnitten wurden, ließen sich auch solch anspruchsvolle, dreidimensionale Fassadendetails mit Riemchen kompromisslos realisieren.

Format, Verband und Fuge als Entwurfswerkzeuge
Die Beispiele zeigen: Die Wahl des Steins ist im Entwurfsprozess nur der erste Schritt. Selbst wenn für eine Erweiterung ein farblich ähnlicher Klinker wie beim historischen Altbau verwendet wird, sind die gestalterischen Möglichkeiten vielfältig. Hier werden Format und Fuge zu entscheidenden Werkzeugen. Ein bewusster Wechsel zu einem modernen Langformat, die Wahl eines anderen Mauerwerksverbands oder der Einsatz einer tief liegenden Schattenfuge geben der neuen Fassade eine völlig andere Plastizität. Die Farbigkeit hält das Ensemble optisch zusammen, während das Detail den Neubau im Hier und Jetzt verortet.
Fazit: Planungssicherheit beim Bauen im Bestand mit Klinker
Ob direkter Anbau oder Neubau in Sichtweite eines Denkmals: Wenn die Haptik, das Format und die farblichen Nuancen des Klinkers präzise auf den Altbau abgestimmt sind, entstehen Fassaden, die von Denkmalämtern akzeptiert werden und das Stadtbild nachhaltig aufwerten. Die frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Material und das Anlegen von Musterwänden spart Architekturbüros dabei wertvolle Zeit und sichert die gestalterische Qualität des Entwurfs.
FAQ: Sanierung denkmalgeschützter Fassaden und Bauen im Bestand
Wie stellt man sicher, dass ein neuer Klinker mit der Zeit ähnlich altert wie der Bestand?
Klinker altern aufgrund ihrer extrem hohen Brenntemperatur und der dichten Oberfläche (Versinterung) grundsätzlich sehr langsam und würdevoll. Ein materialgerecht gebrannter Klinker wird durch natürliche Witterungseinflüsse über die Jahre eine eigene, authentische Patina entwickeln, die sich harmonisch an den Rhythmus des Bestands anpasst.
Welchen Einfluss hat das Fugenbild auf die Verbindung von historischem Bestand und Neubau?
Die Fuge macht etwa 15 bis 20 Prozent der sichtbaren Fassadenfläche aus und ist ein wichtiges Entwurfswerkzeug. Wird für einen Anbau ein Klinker gewählt, der dem Altbau farblich ähnelt, kann die Fuge den Unterschied machen: Eine farblich an den Bestand angepasste Fuge schafft einen weichen Übergang. Ein starker Kontrast, etwa durch tief liegende Schattenfugen, grenzt den Neubau optisch stärker ab und verleiht ihm eine moderne Plastizität.
Lassen sich komplexe Fassadendetails im Bestand auch mit Klinkerriemchen realisieren?
Absolut. Wie das Düsseldorfer Quartier maxfrei zeigt, können auch Riemchen für anspruchsvolle, dreidimensionale Fassadenbilder wie Rauten-Muster oder Reliefs genutzt werden. Wenn die Klinkerriemchen im Werk projektindividuell aus dem vollen Stein geschnitten werden, behalten sie die volle Haptik und Wertigkeit des echten Klinkers – was besonders in anspruchsvollen, historischen Kontexten wichtig ist.