Was bedeutet der Wandel pädagogischer Ansätze für die Architektur und die Wahl der Baustoffe? Jan-Henrik Schwarzer, Entwurfsarchitekt
bei Drei Architekten aus Stuttgart, spricht über die Abkehr von der „Flurschule“, Impulse aus Kopenhagen und Gebäude, die mit der demografischen Entwicklung Hand in Hand gehen.
Herr Schwarzer, was fordert der Wandel der Pädagogik konkret von der Architektur?
Die klassische Flurschule weicht heute offenen Lernlandschaften, die oft in Jahrgangs-Clustern organisiert sind. Unterrichts- und Differenzierungsräume sind dabei um eine gemeinsame Mittelzone organisiert und stehen in visuellem Bezug zueinander. Das fordert uns als Planende technisch heraus: Wir müssen tief im Gebäudeinneren liegende Zonen belichten, Brand- und Schallschutz dieser großen Raumgruppen
lösen und eine Balance zwischen Offenheit und Rückzugsorten schaffen.
Schauen wir über die Landesgrenzen hinaus: Welche Entwicklungen aus dem Ausland beeinflussen den deutschen Schulbau?
Wir blicken oft nach Skandinavien, beispielsweise nach Kopenhagen. Dort ist die Schule viel stärker ein Quartiersmittelpunkt. Während bei uns oft nur die Schulsporthalle von Vereinen genutzt wird, öffnen sich dort Pausenhöfe, Bibliotheken und Gemeinschaftsräume ganz selbstverständlich
für die Öffentlichkeit. Schule wird so zum Lebensraum, der auch außerhalb der Unterrichtszeiten nicht leer steht. Dieser Gedanke der Öffnung zum Stadtteil kommt nun auch verstärkt in Deutschland an.
Wie gehen Sie mit der Unsicherheit um, dass wir heute Gebäude bauen, deren pädagogische Konzepte in 30 Jahren vielleicht veraltet sind?
Architektur muss heute demografisch flexibel sein. Bis 2032 erwarten wir steigende Schülerzahlen, danach könnten sie wieder sinken. Wir planen daher in Stützen und Träger aufgelöste Tragwerke mit nichttragenden Wänden zwischen den Räumen. So kann eine Schule heute als Cluster-Schule funktionieren und später mit minimalem Aufwand in andere Raumstrukturen überführt werden. Unser Ziel ist ein robustes Grundgerüst, das auf pädagogische und demografische Entwicklungen reagieren kann.
Wenn Innenräume immer flexibler werden – welche Rolle spielt dann die Gebäudehülle?
Die Gebäudehülle muss die innenräumlichen Umgestaltungen ermöglichen und zugleich über Jahrzehnte zuverlässig funktionieren – technisch wie atmosphärisch. Wir entwickeln Fassaden bevorzugt aus natürlichen Materialien wie Holz und Klinker, deren haptische Qualität eine kindgerechte, warme und zugängliche Atmosphäre schafft. Das wird immer wichtiger, da sich moderne Schulkonzepte nach außen öffnen: Der Freiraum wird zum Lernraum und mit dem Ganztag sind Freizeitangebote unter freiem Himmel zu einem festen Bestandteil des schulischen Alltags geworden.

Jan-Henrik Schwarzer verfügt über ausgewiesene Wettbewerbserfahrung im Schulbau sowie in der Planung anspruchsvoller Bildungsbauten. Als Projektleiter war er an der Grundschule Haslach beteiligt, die vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) ausgezeichnet wurde.
Drei Architekten mit Sitz in Stuttgart entwickeln und realisieren seit den 1980er-Jahren Bauaufgaben in den Bereichen Bildung, Soziales, Kultur und Sport sowie im Bauen im Bestand. Der Schulbau bildet dabei einen zentralen Schwerpunkt der architektonischen Arbeit. Bildungsbauten versteht das Büro als ganzheitliche Lern- und Lebensräume, die pädagogische Anforderungen räumlich präzise übersetzen und dauerhaft nutzbar bleiben. So
entsteht eine zukunftsfähige Architektur, die funktionale Qualität mit nachhaltige Bauweise und identitätsstiftende Gestaltung verbindet.