Mehr Tiefe für große Flächen: Warum Textur kein dekoratives Extra ist

Mehr Tiefe für große Flächen: Warum Textur kein dekoratives Extra ist

Die glatte Klinkerfassade gilt oft als sicherster Weg. Sie ist kosteneffizient, technisch sauber und kalkulierbar. Bei großen Baukörpern kommt sie architektonisch an ihre Grenzen: Sie verstärkt die Fläche, statt sie zu gliedern. Textur wird teilweise erst am Ende des Entwurfs bedacht – als dekoratives Extra statt als integraler Bestandteil der Planung. Doch richtig geplant ist sie weder teuer noch kompliziert, sondern gibt dem Baukörper eine angemessene Maßstäblichkeit.

Reliefmauerwerk: Schatten als ordnendes Prinzip 

Im Intergenerativen Zentrum EinsA in Dülmen wird ein Relief zum funktionalen Element: Hier arbeitete das Planungsbüro mit einer Ornamentik aus unregelmäßig herausgezogenen Klinkerköpfen. Im wilden Verband verlegt, bricht dieses Relief das Licht und sorgt dafür, dass die Fassade je nach Sonnenstand ihr Erscheinungsbild verändert.

Die Sorge vor Verschmutzung durch abgelagerten Staub auf den Vorsprüngen wird oftmals als Gegenargument aufgeführt. Hier hilft allerdings die Materialphysik des Klinkers: Durch die extrem hohe Brenntemperatur und die Versinterung ist die Oberfläche so dicht, dass Partikel kaum anhaften. Ein Klinker-Relief altert dadurch in Würde, während eine glatte Putzfassade oft schon nach wenigen Jahren unschöne Laufspuren zeigt.

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Profilklinker für Rhythmus ohne Zusatzaufwand

Ist eine besonders unkomplizierte Verarbeitung gefragt, können auch Profilklinker die Fassade gestalten. Ein Beispiel liefert der Geistmarkt in Münster. Architekt Andreas Heupel setzte dort Steine, die bereits im Produktionsprozess ein 2,5 cm hohes horizontales Relief erhalten.

Verlegt im Dünnformat, erzeugt diese Lösung ein feines Schattenbild, das die Fassadenfläche rhythmisiert, ohne handwerklich komplexe Arbeitsschritte zu erfordern. Die Fassade gewinnt dadurch Maßstab und Plastizität, ohne dass die Baukosten übermäßig steigen. Das zeigt: Ein sorgfältig durchdachtes Detail kann den Charakter eines gesamten Baukörpers prägen.

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Dreidimensionale Effekte mit Klinkerriemchen 

Echte Tiefe im Fassadenmauerwerk ist nicht nur mit Vollsteinen möglich. Dass komplexe dreidimensionale Designs auch mit Klinkerriemchen realisierbar sind, zeigt das Düsseldorfer Quartier „maxfrei“.

Da Passanten die Fassade im Vorbeigehen unmittelbar wahrnehmen, lag der gestalterische Fokus auf der Nahwirkung:

  • Individueller Zuschnitt: Hagemeister hat die Steine projektindividuell gefertigt und dann auf die jeweils benötigte Riemchenstärke zugeschnitten. Das erhält die volle Haptik des echten Klinkers.
  • Geometrische Muster: Durch das Einarbeiten von Rauten-Mustern und gezielten Reliefs entstanden Texturen, die aus der Nähe überzeugen.
  • Farb-Nuancierung: Sortierungen wie Liverpool GT oder Krefeld GT kombinierten die Planenden mit variierenden Fugenfarben, um die Plastizität zu verstärken.
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Die Mikro-Ebene: Kohlebrand und Besandung

Wenn Architektur aus der Nähe erlebbar wird, verschiebt sich der Fokus vom gesamten Baukörper auf die Details der Oberfläche. Kohlebrand oder Besandung verleihen dem Stein eine zusätzliche visuelle Ebene, die das Licht bricht und die räumliche Wirkung eines Reliefs oder eines Musters natürlich unterstützt.

  • Kohlebrand: Durch Sauerstoffentzug im Brennofen entsteht ein changierendes Farbspiel mit dunkleren Schmauchspuren. Diese Nuancen des Kohlebrands geben dem Stein eine visuelle Tiefe und natürliche Unregelmäßigkeiten erzielen auch haptische Substanz.
  • Besandung: Ein glatter Klinker reflektiert Licht relativ hart. Das kann bei großen Flächen künstlich wirken. Besandete Oberflächen hingegen schlucken das Licht und streuen es weich. Das Material wirkt matter, erdiger und hochwertiger.

Filtermauerwerk – wenn Licht zum Baustoff wird

Eine weitere Option der Texturierung ist das Filtermauerwerk. Hier fungiert der Stein als Filter zwischen Innen und Außen. Das Licht wird nicht nur reflektiert, sondern durch das Mauerwerk hindurchgelenkt. Das schafft im Innenraum eine besondere Atmosphäre und gibt dem Gebäude nachts eine transluzente Leichtigkeit. Solche Lösungen erfordern zwar eine präzise statische Prüfung, bieten aber einen Mehrwert, den Glas-Beton-Konstruktionen niemals erreichen können.

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Fazit: Textur als Bestandteil der Fassadenplanung

Die Gestaltung großer Fassaden stellt hohe Anforderungen an Maßstab, Wahrnehmung und Dauerhaftigkeit. Textur bietet hier einen strukturellen Ansatz, um Flächen zu gliedern und Licht gezielt einzubeziehen. Wer sie frühzeitig einplant, muss sich nicht zwischen Wirtschaftlichkeit und architektonischer Qualität entscheiden.

So lassen sich gestalterische Qualität, handwerkliche Umsetzbarkeit und Wirtschaftlichkeit miteinander in Einklang bringen. Fassaden entstehen dann nicht als nachträgliche Hülle, sondern als integraler Bestandteil des architektonischen Konzepts.

 

FAQ: Technische Fragen zu Textur und Relief

Kann ein Klinker-Relief auch nachträglich bei einem WDVS geplant werden?

Ja, durch den Einsatz von Klinkerriemchen in unterschiedlichen Stärken oder durch eine gezielte Verklebung im Verband lassen sich Reliefs auch auf Wärmedämm-Verbundsystemen realisieren. Wichtig ist die Abstimmung der Systemzulassung hinsichtlich des Gewichts und der Auskragung.

Warum ist Kohlebrand für die Klinker-Textur so wichtig?

Kohlebrand ist kein oberflächlicher Farbauftrag. Er entsteht durch den Entzug von Sauerstoff im Brennofen. Das Ergebnis ist ein changierendes Farbspiel, das tief in den Stein eindringt. Diese optische Tiefe unterstützt die physische Textur des Reliefs.

Welchen Einfluss hat die Fugengestaltung auf die plastische Wirkung eines Klinker-Reliefs?

Die Fuge macht etwa 15 bis 20 Prozent der Fassadenfläche aus. Wenn Fuge und Klinker farblich eine Einheit bilden, tritt der einzelne Stein zurück und das gesamte Relief dominiert die Wahrnehmung. Ein starker Farbkontrast hingegen betont das Verlegemuster, was ein Relief optisch „aufbrechen“ kann. Für eine maximale Tiefenwirkung wird oft eine Schattenfuge gewählt, bei der der Mörtel leicht zurückliegt.

Führen die Vorsprünge eines Reliefs zu einer schnelleren Veralgung oder Verschmutzung der Klinkerfassade?

Nein, da das Material eine geringe Wasseraufnahme aufweist. Klinker sind aufgrund ihrer hohen Brenntemperatur nahezu porenfrei. Während Putzfassaden Feuchtigkeit speichern und so Nährboden für Algen bieten, trocknet Klinker extrem schnell ab. Staub, der sich auf den Kanten eines Reliefs absetzt, wird beim nächsten Regen meist natürlich abgewaschen.

Welchen bauphysikalischen Nutzen hat Filtermauerwerk neben der Ästhetik?

Lochfassaden sind hervorragende Werkzeuge für das klimatische Gebäudemanagement. Sie dienen als permanenter Sonnenschutz, der Licht ins Innere lässt, aber die thermische Aufheizung der Glasflächen dahinter reduziert. Gleichzeitig ermöglichen sie eine natürliche Querlüftung, was besonders bei Parkhäusern oder Technikzentralen entscheidend ist. Akustisch wirkt ein Filtermauerwerk zudem schallstreuend, was die Lärmbelastung in engen Straßenzügen reduzieren kann.

 

 

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